„Sein Leben aufgeopfert, um dann mit dem Vorschlaghammer erschlagen zu werden“

Franz Beckenbauer sei alles im Leben in den Schoß gefallen, heißt es: die Lässigkeit auf dem Feld, die einnehmende Persönlichkeit abseits des Platzes. Doch eine Sache hat ihn bis ins Grab verfolgt, erzählt Sohn Joel.

Audioplayer wird geladen

Klicken Sie hier, um sich Artikel von WELT in der Google-Suche bevorzugt anzeigen zu lassen.

Es fällt nur ein flüchtiger Blick auf die Liste der 50 größten Sportler Deutschlands. Joel Beckenbauer verschwendet keine Zeit. Auch weil er mit seinen 26 zu jung ist, um alle 50 erlebt zu haben. Der jüngste Sohn des Kaisers zitiert lieber seinen Vater: „Er hätte gesagt: ‚Bei mir rangiert Pelé vor Johan Cruyff und meiner Wenigkeit.‘ Er hätte damit – charmant formuliert – dasselbe gesagt, weil Pelé ein Brasilianer war und Cruyff ein Holländer.“ Also bleibt er der größte Deutsche.

Das war Franz Beckenbauer († 78) in wenigen Worten zusammengefasst: freundlich zu den Leuten. Allzeit freundlich auch zum Tennis-Helden Boris Becker (58), seinem treuen Fan. „Der Franz ist der Kaiser. Er steht zu Recht auf Platz eins“, sagt der Zweitplatzierte des „Sport Bild“-Rankings. „Er hat als Spieler und Trainer Außergewöhnliches geleistet. Die WM 2006 nach Deutschland geholt. Für mich ist er der wichtigste deutsche Sportler aller Zeiten.“

Und was Boris nie vergessen wird: „Er war ein guter Freund, hatte immer ein Wort für mich, auch wenn es mir nach der Karriere mal nicht so gut ging, konnte ich ihn anrufen. Er hatte immer einen Ratschlag für mich – bis zu seinem Tod.“

Das urbayerische Lebensmotto gilt bis heute

Von Franz, dem Kaiser – wie ihn die Journalisten Professor Wolfgang Winheim (80), Hansi Schiefele († 85) und Herbert Jung (88) tauften, als er sich in Wien neben einer Büste von Kaiser Franz Joseph I. hatte fotografieren lassen – haben viele Dinge für die Ewigkeit Bestand. Wie sein Geburtshaus im Münchner Arbeiterviertel Obergiesing. Die Wohnung in der Zugspitzstraße 6, nur knapp elf Meter von einem einst roten Fußballplatz entfernt, sieht aus wie zur Jugendstilzeit. Und auch nach 130 Jahren gilt dort immer noch das urbayerische Lebensmotto des Fußball-Gottes Franz Beckenbauer: „Es werd scho wern, sagt d’ Frau Kern – die Frau Horn is a wieda worn!“

In diesem einfachen Spruch stecken dieser schöne, humorvolle Trost und der Ausdruck von Zuversicht, wenn einmal nicht alles nach Plan läuft. Nach dem Motto: „Mach da koane Sorgen, des renkt sich schon wieda von allein ein.“ Wie am 17. Mai 1974, als Beckenbauer mit einer Schere zu seinem Zimmerpartner Rainer Zobel (77) rannte, damit der ihm die Haare schneidet. „Aus lauter Aberglauben, weil das oft schon gut gegangen war“, erzählt Zobel von Bayerns Europacupfinale der Landesmeister 1974 gegen Atlético Madrid, das dank Georg „Katsche“ Schwarzenbecks (78) Fernschuss in der 119. Minute in der Verlängerung den Bayern ein Wiederholungsspiel bescherte.

„‚Du musst da mal sauber machen‘, sagte der Franz. Da sind die kleinen Löckchen nur so gerollt. Im ersten Spiel hatten wir das vergessen.“ Im zweiten beim 4:0 (zwei Tore Gerd Müller, zwei Uli Hoeneß) lief mit einem von Beckenbauer getriebenen Zobel alles besser. Heute steht Zobel, wenn er von seinem Braunschweiger Domizil nach München kommt, ehrfürchtig vor Beckenbauers Bronze-Denkmal neben der Allianz Arena stramm. Ein Denkmal, das der Kaiser in seiner Bescheidenheit nie wollte: „Unten bieseln die Hunde auf die Füße. Und oben scheißen die Vögel drauf“, spottete er.

Opferbereitschaft und diplomatische Fähigkeiten gefragt

Wenn Joel Beckenbauer heute von seinem Salzburger Wohnsitz zum Bayern-Spiel nach München fährt, besucht er erst den Friedhof, schlendert dann die Esplanade entlang. „Ich sehe, wie liebevoll die Leute vor der Statue stehen bleiben, um Selfies zu machen. Wir haben damals mit der Künstlerin eng zusammengearbeitet. Es kommt diese Leichtigkeit vom Franz zum Ausdruck. Ich finde das immer angenehm.“ Nicht ohne auch an der Statue von Gerd Müller († 75) kurz innezuhalten.

Beckenbauer sei alles im Leben in den Schoß gefallen, sagen die Leute gerne. Sogar seine Erfolge als Trainer mit dem Weltmeistertitel 1990 in Italien unter den Klängen von Gianna Nannini („Un’ estate Italiana“). Und erst recht sein Meisterstück, die WM 2006 in seine deutsche Heimat zu holen und die Botschaft von einem fröhlichen Deutschland in die Welt zu tragen, erforderte (u. a. ab der Vergabe sechs Jahre Reisen in 31 Länder) viel Disziplin, Opferbereitschaft und diplomatische Fähigkeiten.

Der frühere Bayern-Jugendtrainer Fritz Bank erinnert sich an die ersten Schritte des Kaisers mit knallharter Ballschule, wie man das in den Sechzigern nannte, als Spieler, die dem Ball entgegengingen, die besten Zweikampfwerte hatten. Doch auch das war beim Kaiser anders. „Der Franz hatte in der A-Jugend einen strengen Trainer, den Rechtsanwalt Rudi Weiß. Der bläute ihm bis zum Erbrechen ein: ‚Franz, du musst den Ball ansaugen. A-N-S-A-U-G-E-N. Egal, wie hart der Ball dann kam, flach oder von ganz weit oben: Franz musste ihn so ansaugen, dass er am Spann kleben blieb, wie es auf vielen Fotos zu sehen ist.“ Bis ins hohe Rentneralter hat Beckenbauer das beherrscht.

Joel: „Warum gewinnst du immer?“

Joel, Jahrgang 2000, erzählt, dass er ab dem fünften Geburtstag jahrelang im Garten gegen seinen Vater und seine Schwester Francesca (22, „sie hat durchaus Talent, spielt jedoch lieber Tennis und Golf“) Fußball gespielt hat. Und nie – kein einziges Mal – gewonnen hat. „Das weckte in mir den Ehrgeiz. Ich habe das Bild vor Augen, dass ich zu ihm hochgeschaut habe, dass ich so gut sein wollte wie er. In späteren Jahren bin ich draufgekommen, dass das doch ein bisschen eine größere Aufgabe geworden wäre…“

Einmal nahm Joel allen Mut zusammen und fragte den Vater: „Verrat mir doch bitte: Warum gewinnst du immer?“ Nach kurzer Überlegung kam die Antwort: „Wenn ich dir das jetzt verrate, dann kann ich nimmer gewinnen.“ Und gab die Antwort dann doch. „Er sagte, er würde mich laufen lassen, während Francesca und er das Tor absichern. Und wenn ich dann nimmer kann, schießt er mit dem Außenrist ins Tor. Ich habe das dann sofort probiert – und dennoch habe ich wieder verloren …“

Lesen Sie auch

Der Kaiser hätte es gerne gesehen, wenn aus dem Sohn ein Fußballer geworden wäre. Er schickte ihn – Joel hatte darum gebeten – zu Real Madrid und zum FC Barcelona. Joel erzählt mit feiner Selbstironie: „Es war gerade die Zeit, als Messi und Ronaldo groß geworden sind. Ich war sehr schnell, doch sehr schmächtig, klein und dünn. Ich wollte immer werden wie mein Vater. Ein gewisses Spielverständnis war da, doch nie das nötige Etwas, das du brauchst, um weiterzukommen. Die waren wahrscheinlich froh, dass ich wieder nach Hause geflogen bin. So viele Menschen haben zu meinem Vater hochgeschaut. Ich bin froh, dass meine Eltern meine Karriere nie forciert haben. Der Vergleich zu ihm wäre einfach zu schwer gewesen, nur annähernd an ihn ranzukommen.“

Trotz allen Talents fiel auch dem Kaiser nichts in den Schoß, ehe er in den 70ern bei Bayern und beim DFB zum Weltstar aufstieg und über den Umweg Cosmos New York Anfang der 80er beim HSV seine Karriere ausklingen ließ.

Als der kleine Joel erste Fußballbilder sah, bewunderte er den Vater, wie er im Halbfinale der WM 1970 in Mexiko das Spiel gegen Italien (3:4 nach Verlängerung) ab der 65. Minute mit einem an die Brust bandagierten Arm durchstand – unter starken Schmerzen. „Für mich stand sofort fest, dass ich mich für die Mannschaft opfere, dass ich sie nicht zu zehnt weiterspielen lasse“, sagte Beckenbauer zu seinem Sohn.

Wobei für den Kaiser das Viertelfinale 1970 in Mexiko gegen England seine Geburtsstunde zur Legende, zum Weltstar war. Als er nach 0:2-Rückstand das 1:2 schoss und in der mittäglichen Gluthitze von León das Spiel an sich riss, als Alf Ramsey († 79) Beckenbauers großen Rivalen Bobby Charlton († 86) auswechselte. Und Deutschland in der Verlängerung 3:2 siegte. Die gelungene WM-Revanche für das Finale 1966.

Kongeniale Partner bei den Bayern und beim DFB

Die Jahre danach hatte Beckenbauer kongeniale Partner bei den Bayern und beim DFB in Gerd Müller, Schwarzenbeck, Paul Breitner (75) und Uli Hoeneß (74). Dazu Uwe Seeler († 85) vom HSV – und immer wieder der Gladbacher Glamourboy Günter Netzer (82). Das geniale Zusammenspiel 1972 beim 3:1-Sieg gegen England im Wembley-Stadion ging neben dem 3:4 gegen Italien bei der WM 1970 als Jahrhundertspiel in die Geschichte ein.

Bis zum Ende blieben die beiden enge Freunde. Und heute? „Ist er präsent in meinem Leben in erstaunlichem Maße“, sagt Netzer. „Ich hole ihn in mein Gedächtnis, denke an den Franz in gewissen Situationen mehr, als ich je an ihn gedacht habe. An ein Gesamtkunstwerk!“

Die beiden einte die Vorliebe für hauchdünne Lederschuhe, bevorzugt aus Känguru. Nur mit dem Unterschied, dass Netzer sie von Puma, Beckenbauer von Adidas entwerfen ließ. Wenn der Bote aus Herzogenaurach wieder mal mit zehn Paar an der Säbener Straße ankam, testete Beckenbauer sie „nicht mit den Füßen, sondern mit den Händen. Ohne sie anzuprobieren, blieben höchstens zwei Paar übrig – die, wo er am meisten Fingerspitzengefühl drin hatte, da war er kompromisslos“, erzählt Adidas-Sprecher Oliver Brüggen.

Die Perfektion war Beckenbauers Begleiter in allen Lebenslagen. So freundete er sich während seiner Zeit bei Cosmos New York (er war verliebt in die Metropole) mit Rudolf Nureyev († 54) an, dem weltbesten, elegantesten Balletttänzer. Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ging in seiner Wohnung am Central Park ein und aus. Beckenbauer ließ den Bayern-Arzt für jedes Zipperlein über den Großen Teich fliegen. „Er hat meine Methoden schätzen gelernt und mich schließlich zur Nationalmannschaft geholt“, sagt der 84 Jahre alte Arzt, dessen Praxis heute mit US-Sportlern überquillt. Beckenbauer lernte von ihm sogar das Spritzen.

Als Beckenbauer den Lebensmut verlor

Das bittere Ende des Fußball-­Genies? Leider kein Sommermärchen. Als der Kaiser im Oktober 2015 mit Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit der WM-Vergabe 2006 belastet wurde (alle Verfahren wurden mittlerweile eingestellt), erkrankte er schwer und verlor den Lebensmut. Joel, der am Krankenbett stand, als der Vater am 7. Januar 2024 zahlreichen Leiden erlag, leidet bis heute sehr darunter.

„Natürlich nagt das an einem, wenn du siehst, dass einer sein Leben aufgeopfert hat, von 1997 bis 2006 330 Tage im Jahr für die WM da war, um dann mit dem Vorschlaghammer erschlagen zu werden. Von den eigenen Leuten, von Mitschwimmern, die ihren Lebensweg ihm zu verdanken haben. Die ihn zu Boden gerissen haben, heute seinen Tod bedauern und sagen: ‚Das war doch nicht so bös gemeint‘.“

Und dennoch hat Beckenbauer auch da dem Sohn etwas mitgegeben. Das große Wort VERZEIHEN. „Wie kannst du diesen Leuten noch ins Gesicht schauen, die dein Lebenswerk zugrunde richten wollen?“, fragte er seinen Vater. „Die mussten selbst schauen, dass es ihnen gut geht“, bekam ich zur Antwort. „Seitdem versuche ich, im Leben nicht mehr nachtragend zu sein, Rachegelüste zur Seite zu schieben.“ Joel glaubt, dass Franz Beckenbauer mit sich und der Welt im Reinen von uns gegangen ist. „Die Nähe der Familie hat ihn glücklich gemacht. Wir hatten eine gute Dynamik.“ Und die Gewissheit, so der Kaiser vor seinem Tode: „Dass es die richtige Entscheidung war, mich für die WM einzusetzen. Sie hat unserer Nation ein großes, sympathisches Selbstbewusstsein gebracht. Und den Stress haben wir nicht bemerkt, weil wir von der Aufgabe so beseelt waren.“

Die größte Zufriedenheit strahlte Beckenbauer in Kapstadt aus

30 Millionen hat der Kaiser im Verlauf der Jahre in seiner Stiftung für unschuldig in Not geratene Menschen eingesammelt – die Stiftung, die jetzt von Ehefrau Heidi und Joel im Vorstand weitergeführt wird, von Thomas, dem ältesten Sohn, im Stiftungsrat. Wobei er viele Leute auch mit kleineren Scheinen glücklich gemacht hat. Mit Trinkgeldern aus warmer Hand.

„Ist das nicht zu viel“, wunderte sich Joel als Kind, als der Vater nach dem Essen wieder mal einen Fuffi zückte. „Warum denn?“, fragte der Vater. „Der freut sich doch.“ So viel zu seinem Charakter. Und zu seinem Stiftungs-Drang. „Das hat auch mit meiner sozialen Herkunft zu tun. Ich bin ja nicht als König auf die Welt gekommen. Mein Vater hat bei der Post gearbeitet, wir mussten jeden Pfennig umdrehen. Es ist doch ein schönes Gefühl, Bedürftigen zu helfen.“

Die größte Zufriedenheit strahlte Beckenbauer aus, so Joel, wenn er im südafrikanischen Kapstadt auf der Terrasse vor seinen Weinbergen saß. Dort im Dezember vom eigenen Rotwein schlürfte und eine Zigarre rauchte. „Das war sein Traum. Bis 2015 die Trauer um Stephan (Hirntumor; d. Red.) kam und die ganzen Geschichten vom DFB, der Fifa, die leider alles zunichtegemacht haben.“

So bleibt er für Joel am besten „als Mensch in Erinnerung, als Nummer eins. Für immer als Vorbild. Da war nicht nur das Talent, sondern wie er mit den Menschen umgegangen ist. Das Menschliche, die Persönlichkeit. Wie er über den Platz geschwebt ist, wie er die Bälle kontrolliert, die Pässe gespielt hat. Kein Rumgeschreie, kein Lamentieren. Für mich war er der Vater. Das kann kein Weltmeister, kein Europameister, kein Champions-League-Sieger, kein Europacupsieger der Landesmeister. Eine größere Bedeutung kann nicht sein.“

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“ , „Sport Bild“) geschrieben und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

https://www.welt.de