Ein stolzer Stürmer mit einer Quote wie die ganz Großen – wo Guirassy sogar besser ist als Mbappé
Die Champions League ist der Lieblingswettbewerb von Serhou Guirassy. Vor allem in der Königsklasse ist er die Lebensversicherung des BVB. Es gibt Hinweise, dass dies noch längere Zeit so bleiben könnte.
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Im Sommer 2025 hatte Serhou Guirassy viel zu tun. Mit Borussia Dortmund nahm der Torjäger an der Klub-WM in den USA teil, bei der es die Mannschaft bis ins Viertelfinale schaffte. Erst nachdem der BVB am 5. Juli gegen Paris St. Germain aus dem Turnier ausgeschieden war, stand ein verhältnismäßig kurzer Urlaub an – bis zum 26. Juli. Für diesen Tag hatte Trainer Niko Kovac den Start in die Vorbereitung auf die kommende Saison 2025/26 terminiert.
Guirassy nutzte die zwei Wochen allerdings nicht zur Erholung – er widmete sich einem Projekt, das in Deutschland bis heute und selbst im engeren Umfeld des BVB weitgehend unbekannt ist. Der Stürmer gründete in seinem Heimatland Guinea eine humanitäre Hilfsorganisation: die „Africa Niorondema“. Niorondema heißt auf Malinké, einer der drei Sprachen, die in dem westafrikanischen Staat gesprochen werden, so viel wie Aufbau oder Entwicklung.
Es handelt sich um eine aus Spenden finanzierte Nichtregierungsorganisation (NGO), die sich Projekten in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Umweltschutz, Ernährung und Kultur widmet. Niorondema übernimmt Aufgaben, die von den ständig wechselnden Regierungen nicht erfüllt werden können. Guinea ist trotz reichhaltiger Bodenschätze eines der ärmsten Länder der Welt. Die Analphabetenquote liegt bei knapp 60 Prozent, über 43 Prozent der Einwohner leben mit einem Einkommen von weniger als zwei US-Dollar am Tag. Die durchschnittliche Lebenserwartung der gut 15 Millionen Guineer liegt bei knapp 60 Jahren.
Einer der größten Fußballstars Afrikas
Guirassy verbrachte seinen Sommerurlaub 2025 also zumindest teilweise mit Pressekonferenzen und Besichtigungen von Elendvierteln. Er fuhr im offenen Wagen durch Conakry, der Hauptstadt. Dabei wurde er von den Menschen umjubelt – viele von ihnen trugen BVB‑Trikots. So ist es fast immer, wenn Guirassy dem Land, aus dem seine Eltern in den 1990er-Jahren nach Frankreich ausgewandert sind, einen Besuch abstattet. Er ist dort ein Volksheld – jemand, der es geschafft und zu einem der größten Fußballstars Afrikas gebracht hat.
Es ist ein großer Antrieb für den 30-Jährigen, den Guineern etwas zurückzugeben. Deshalb hatte er sich auch entschieden, nicht mehr für Frankreich, wo er von der U16 bis zur U20 sämtliche Auswahlmannschaften durchlaufen hatte, zu spielen. 2022 wechselte er den Verband. Seit 2022 hat er 30 Länderspiele für Guinea absolviert.
„Serhou ist ein stolzer Mann, dem seine Heimat viel bedeutet“, sagte Kovac über den Stürmer. Der Dortmunder Trainer bringt Guirassy eine große Wertschätzung entgegen, lobt ihn häufig und bezeichnet ihn immer wieder als die „Lebensversicherung“ des BVB. Da ist vor allem im Hinblick auf die Champions League etwas dran: Vor dem Heimspiel gegen Real Betis Sevilla am Mittwoch (21 Uhr/DAZN und im WELT-Liveticker) hat Guirassy in den vergangenen drei Spielen bereits viermal getroffen.
In 31 Champions-League-Spielen traf er 23-mal
Die Königsklasse ist sein Wettbewerb. In der Saison 2024/25, seiner ersten in Dortmund, gewann er sogar den Goldenen Schuh als bester Torschütze. Wie Raphinha vom FC Barcelona traf er dreizehnmal. Die Trophäe ging jedoch an Guirassy, weil er die bessere Tore-pro-Minute-Effizienz aufweisen konnte. Damit war er der erste afrikanische Spieler, dem diese Ehre zuteil wurde. In der darauffolgenden Spielzeit, die von einigen persönlichen Krisen gekennzeichnet war, traf er viermal.
Doch in Bezug auf Effizienz ist Guirassys Quote die eines absoluten Topstürmers. In bislang 31 Champions-League-Spielen traf er 23-mal. Das ergibt einen Schnitt von 0,74 Toren pro Spiel. Zum Vergleich: Harry Kane traf in 73 Spielen 58-mal (0,79). Kylian Mbappé erzielte in 101 Partien 73 Tore (0,72) und Raphinha in 35 Spielen 21-mal (0,6). Lediglich Erling Haaland hat einen alle anderen Offensivspieler weit überragenden Schnitt: Der Norweger erzielte in 60 Spielen 61 Tore (1,2).
Die Tatsache, dass sich Guirassy gerade in der laufenden Saison wieder in Topform präsentiert, hat auch mit Kovac zu tun. Das Verhältnis zwischen dem Coach und ihm ist von Vertrauen gekennzeichnet. „Es ist eine besondere Beziehung, und ich denke, dass er dasselbe sagen würde“, erklärte Guirassy kürzlich. Mit dem Trainer stehe er ständig im Austausch. „Wir haben auch mal Meinungsverschiedenheiten, über die wir uns austauschen, aber auf eine sehr positive Art. Er pusht mich zu Höchstleistungen, weil er mich sehr gut kennt und versteht“, sagte er.
Gespräche unter vier Augen mit Kovac
Das gute Einvernehmen rührt auch daher, dass sich Kovac mit der Persönlichkeit Guirassys beschäftigt hat. Dabei griff er auch auf hilfreiche Einschätzungen eines Ethnologen zurück. Es gebe starke soziokulturelle Unterschiede. Guirassy sei beispielsweise jemand, der in seinem engsten familiären Umfeld sehr hohes Ansehen genießt. Deshalb könne es bei ihm Irritationen hervorrufen, wenn er öffentlich kritisiert werde. Kovac verzichtet deshalb darauf. Wenn er an Guirassys Spielweise etwas auszusetzen hat, teilt er es ihm unter vier Augen mit.
Anfang der Saison war in Dortmund ein heikles Thema aufgekommen. Fabio Silva, Guirassys Konkurrent um die Mittelstürmerposition, hatte öffentlich Ansprüche angemeldet. Er würde gerne mehr Spiele von Beginn an bestreiten, ansonsten sei seine Zukunft offen, hatte der Portugiese erklärt. Kovac reagierte überraschend eindeutig. „Er kennt seine Rolle in der Mannschaft. Serhou ist unser Stürmer eins. Fabio ist der Herausforderer“, sagte er. Das war die Klarstellung, die Guirassy in dieser Situation gebraucht hat.
Tatsächlich haben Guirassy und Silva in dieser Spielzeit aber bereits mehrfach bewiesen, dass sie auch gut gemeinsam spielen können. Silva ist dabei der beweglichere und laufstärkere Teil des Duos: Der 24-Jährige weicht dann häufiger auf den Flügel aus – während Guirassy die Position im Strafraum hält. Zuletzt beim deutschen Klassiker in München trafen beide: Guirassy zum zwischenzeitlichen 1:1 und Silva, diesmal wieder als Joker, zum 2:2-Endstand. „Fabio ist für mich wie ein kleiner Bruder. Jemand, den ich sehr respektiere“, sagte Guirassy.
Der BVB verfügt in dieser Saison nicht mehr nur über einen treffsicheren Mittelstürmer, sondern über zwei – und könnte sie möglicherweise auch noch für längere Zeit haben. Er fühle sich in Dortmund sehr wohl. Nach allerlei Wechselgerüchten während der vergangenen Saison äußerte er sich zuletzt sogar vielversprechend in Bezug auf eine mögliche vorzeitige Vertragsverlängerung. „Warum nicht?“, sagte er. „Ich habe hier noch einiges vor.“
Source – WELT De

