Die SPD muss zum Psychoanalytiker
Seit dem Abgang Gerhard Schröders hatte die SPD fast jährlich einen neuen Vorsitzenden – aber besser wurde es nicht. Wäre die aktuelle Koalition eine Beziehung, müsste die Partei erkennen: Es liegt nicht am Partner.
Die SPD sucht neue Parteichefs. Mal wieder. Lange vorüber sind die Zeiten, in denen die Sozialdemokratie in sich selbst ruhte und auf Beständigkeit setzte. August Bebel stand 21 Jahre an der Spitze der Sozialdemokraten – in mitunter schwerster Krisenzeit. Willy Brandt führte seine Partei sogar 23 Jahre.
Seit dem Abgang Gerhard Schröders hingegen wechseln die Chefs zuweilen sogar jährlich. Nach Schröder kam Franz Müntefering, auf Müntefering folgte Matthias Platzeck, auf Platzeck Kurt Beck, auf Beck wieder Müntefering, auf diesen Sigmar Gabriel, auf Gabriel Martin Schulz, auf Schulz Andrea Nahles, auf Nahles Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken, auf die beiden Lars Klingbeil und Bärbel Bas.
Dämmert den Genossen, dass sie bereits alle Charaktere durchhaben? Welcher Wesenszug fehlt noch, der zum Erfolg bei den Wählern führt? Wer auch immer seit Schröder an der Spitze der SPD stand – die Sozialdemokratie kam weder in Bewegung noch gewann sie ihr Selbstvertrauen zurück. Unter keinem von ihnen entdeckte sie den Sinn und das Ziel ihres Tuns, übergeht man die üblichen SPD‑Wortmontagen.
Wäre die Partei ein Mensch und ihre Chefs ihre Lebensgefährten, so würde jeder Außenstehende, der von der Masse hört, besorgt raten, einen Psychoanalytiker aufzusuchen. Selbst der dümmste Küchenpsychologe wüsste: Es liegt nicht am Partner, es liegt an dir selbst! Ob in der Opposition oder in der Regierung, stets erinnert die SPD an Schuberts Wanderer: „Wo du nicht bist, dort ist das Glück.“
Die neue Hoffnung Manuela Schwesig wird die SPD auf einen Linkskurs verpflichten. Womöglich ist sie dann die letzte Vorsitzende einer einstmals stolzen und lebendigen Partei.
Source – WELT De

