Erstmals belegen Forscher, dass Bildung das Gehirn noch Jahrzehnte später schützt
Erstmals gelingt Forschern der kausale Nachweis, dass Bildung die Gehirngesundheit im Alter erhält. Möglich machten es riesige Datensätze einer britischen Schulreform. Daraus ergeben sich zwei entscheidende Fragen.
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Menschen, die in den Genuss einer längeren Bildung kommen, erkranken im späteren Leben seltener an Demenzen. Dieser Befund ist seit Jahren bekannt. Bislang hatte jedoch niemand klären können, ob es die Bildung selbst ist, die schützt – oder die sozioökonomische Herkunft. Denn wer in wohlhabenderen Familien geboren wird, geht meist länger zur Schule, häufiger zur Universität und kann statistisch mit einer besseren Gesundheit im Alter rechnen.
Forschern aus den USA gelang nun erstmals, den kausalen Zusammenhang nachzuweisen, das heißt, dass Bildung das Gehirn auch noch Jahrzehnte später vor dem Verfall schützt. Möglich wurde dies durch Daten nach einer Reform der britischen Schulpflicht vor über einem halben Jahrhundert. Die Ergebnisse erschienen in dem Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“.
Im Jahr 1972 trat in Großbritannien eine Änderung der Schulpflicht in Kraft, die Jugendliche zum Schulbesuch bis zu ihrem 16. Geburtstag statt bis zu ihrem 15. Geburtstag verpflichtete – und zwar über alle sozialen Klassen hinweg. Damit wurden zwei große, scharf getrennte Bevölkerungskohorten geschaffen, die sich durch fast nichts unterschieden, außer durch die Länge ihrer Schulzeit. Für die Forschung bieten solche Umstände ideale Bedingungen für großangelegte Studien.
Die Wissenschaftler der Universitäten in Southern California, Wisconsin-Madison und Michigan nutzten jetzt genau diese Daten. Anhand dieser bestätigten sie, dass zusätzliche Bildung das Risiko der Betroffenen für Alzheimer und verwandte Demenzen reduzierte. Sie fanden außerdem heraus, dass dieser Schutzeffekt besonders stark bei Menschen mit einem erblich erhöhten Risiko für Demenzen war. Das könnte Trägern von Risikogenen Hoffnung geben, dass ein späterer Ausbruch dieser Erkrankungen nicht in Stein gemeißelt ist, auch wenn die Eltern oder Verwandten daran erkrankt sind.
Infolge der britischen Schulreform stieg die Anzahl der Schüler, die mindestens bis zum Alter von 16 Jahren in der Schule blieben, um 14 Prozent. Die Forscher folgten mehr als 100.000 Personen – die kurz vor oder nach dem Stichtag der Reform am 1. September 1957 geboren wurden – bis zu ihrem 66. Lebensjahr. Für die Auswertung griffen sie auf Krankenhausberichte, Todesregister und Selbstangaben zur medizinischen Geschichte zurück, die im Rahmen des UK‑Biobank-Projektes erfasst wurden.
Die Studie geht damit über bekannte Zusammenhänge zwischen Bildung und besserer Gesundheit hinaus. „Wir wussten seit Langem, dass Menschen mit besserer Bildung seltener an Demenzen erkranken. Aber es war schwierig zu wissen, ob die Bildung selbst dafür verantwortlich war“, sagte Hauptautorin Silvia Barcellos, eine Gesundheitsökonomin an der University of Wisconsin-Madison. „Indem wir diese Schulreform für uns genutzt haben, konnten wir den Effekt sauber von den vielen anderen Faktoren trennen.“
Die Wissenschaftler bezogen auch genetische Daten in ihre Untersuchung ein. Dabei zeigte sich, dass eine längere Schulzeit die Häufigkeit von Demenz auch bei den Personen reduzierte, die die höchsten genetischen Risikofaktoren hatten.
„Für Menschen, die wissen, dass sie ein höheres genetisches Risiko für Demenz tragen, sind das hoffnungsvolle Nachrichten“, sagte Co-Autor Leandro Carvalho an der University of California. „Unsere Ergebnisse deuten an, dass Erfahrungen und Umstände, die im Laufe eines Lebens verändert werden können, ebenfalls beeinflussen können, ob eine vererbte Anfälligkeit wirklich zu einer Krankheit wird.“
Wie genau die längere Schulzeit das Demenzrisiko beeinflusst, ist noch unklar. So geht eine bessere Schulbildung mit besseren Karrierechancen und höherem Einkommen einher, öffnet Türen zu kognitiv stimulierenderen Beschäftigungen und kann die sozialen Umstände verändern.
In der Kohorte, die in der Studie untersucht wurde, nahm mit der längeren Schulzeit das spätere Haushaltseinkommen zu, während die Häufigkeit von Schlaganfällen und Herzinfarkten abnahm. Welcher dieser Mechanismen letztlich ausschlaggebend für die Senkung des Demenzrisikos war, konnten die Wissenschaftler aus den Daten nicht mit Sicherheit ablesen.
Die Forscher betonen auch, dass unklar bleibt, wie stark der Schutzeffekt quantitativ genau ist. Die untersuchte Gruppe war mit etwa 65 Jahren noch vergleichsweise jung. Aussagekräftigere Ergebnisse werden in den kommenden Jahren erwartet, wenn die Häufigkeit von Alzheimer und verwandten Demenzen unter ihnen altersgemäß zunehmen wird.

